Messehallen gefüllt mit Fahrzeugen, Messeständen und Besuchern - so sieht die Retro Classics in Stuttgart seit jeher aus. Neben hochpreisigen Fahrzeugen lassen sich Alltagsoldtimer bestaunen und, wer möchte, kann eines der zum Verkauf angebotenen Fahrzeuge erwerben oder in einer Auktion mitbieten. Alles wie gehabt? Ja und nein. Unser ehrlicher Eindruck zur diesjährigen Oldtimermesse auf dem Stuttgarter Messegelände.
Rückblick auf die Retro Classics 2026 in Stuttgart

Die Retro Classics 2026 in Zahlen
Die Messe ist vorüber und so lassen sich die Zahlen in der Retrospektive betrachten: Rund 83.000 Besucher strömten zur Messe und betrachteten die ausgestellten Klassiker, Messestände in sieben Hallen und im lichtdurchfluteten Atrium. Beim 25. Messe-Jubiläum waren 2.800 Fahrzeuge zu bestaunen, Mercedes-Benz konnte das 140-jährige Jubiläum der automobilen Geschichte feiern. Verglichen mit den Vorjahreszahlen zeigen die Zahlen eine Konsolidierung auf hohem Niveau und stellen einen Rekord seit dem Corona-Ausbruch im Jahr 2020 dar. Das Interesse ist ungebrochen! Mittendrin im Getümmel waren wir zwei Tage lang.
HERITAGE SUPPLIES zu Besuch
Als nun aktiver Teil der Szene betrachten wir die Messe in diesem Jahr das erste Mal aus zwei Blickwinkeln: Als Enthusiasten kehren wir schon seit vielen Jahren zurück und freuen uns, Bekanntes und Neues zu entdecken. Als Shop für Oldtimer- und Restaurationsbedarf haben wir ein Auge auf die Branche und Trends und treffen uns mit unseren Geschäftspartnern. Wir haben großartige Gespräche geführt, uns für die kommenden Monate aufgestellt und weitere Motivation gefasst, genau den Weg fortzuschreiten, den wir mit der Gründung eingeschlagen haben. Was sind aber die Eindrücke der diesjährigen Retro Classics in Stuttgart? Wir möchten ein ehrliches Fazit zur Messe geben.
Die Anreise: Im Trüben unterwegs
Für uns ist die Retro Classics seit jeher einer der Startpunkte in unsere Oldtimersaison. Noch im Februar spielt sich die Klassiker-Messe im Vorlauf zum eigentlichen Saisonstart ab. Dieses Jahr nicht mit dem besten Wetter gesegnet, haben viele Besitzer ihren Oldtimer in der Garage stehen lassen und sind mit ihrem normalen Pkw angereist. Schade, denn so fand man verhältnismäßig wenige Klassiker dort, wo sie sonst für Vorfreude auf den Einlass sorgen: Auf den Autobahnen zur Messe, auf den Parkplätzen und in den Parkhäusern wie das die Autobahn A8 überspannende Bosch-Parkhaus. Schade auch für Besitzer, denn so konnten viele nicht die kostenlose Parkmöglichkeit für Fahrzeuge mit H-Kennzeichen nutzen, sondern mussten den regulären Parkpreis (im angesprochenen Parkhaus 14,50€ für die Tagespauschale) entrichten.
Es geht rein: Im Atrium der Messe
Vom Eingang Ost (Bosch-Parkhaus) einlaufend fällt direkt eines auf: Die Massen strömen nach rechts zur Halle 1. Der gegenüberliegende Bereich ist in diesem Jahr von hier aus kommend unbelebt und ausgestorben. Der Blick wandert wie üblich aber trotzdem zuallererst ins Atrium. Zum ersten Mal am Besuchstag bleibt die Spucke weg: Frontal blickt man auf den 300 SLR, eine der Legenden des Nachkriegssports. Flankiert wird das Auto von verschiedenen weiteren Ikonen. Der Anlass ist traurig: Am 9. Januar dieses Jahres verstarb Hans Herrmann 97-jährig. Der Pilot, der in den 50er und 60er Jahren im Motorsportzirkus für Aufsehen sorgte, war der letzte Fahrer seiner Generation und Klasse und der letzte lebende Pilot, der für das Mercedes-Benz Formel 1 Team der 1950er Jahre fuhr. Umso schöner, dass Mercedes und Porsche ihrem Ass so die letzte Ehre erwiesen.

Der Masse nach: Los geht's!
Die Halle 1 lässt sich mit Fug und Recht als die wichtigste der Hallen bezeichnen. Hier finden sich Branchengrößen, Verbände, eine Galerie mit zum Verkauf stehenden Oldtimern jeder Art und die Fahrzeuge, die am Samstag bei der Autobid-Auktion versteigert wurden. Neben den üblicherweise anzutreffenden hochpreisigen Klassikern sind hier auch vereinzelt Sportwagenhersteller (z.B. Lotus, Morgan, Maserati und Aston Martin) über regionale Autohäuser vertreten und spannen so die Brücke zur Moderne. Persönlich empfinde ich diesen zur Moderne schielenden Teil der Oldtimermesse als den "entbehrlichsten", nehmen sie hier doch wichtigen Platz für die Klassiker weg. Die Menge an interessierten Besuchern beweist aber, dass diese Auslegung auf Wohlwollen stößt, womit das Konzept zu stimmen scheint.

Das Herz der Szene: Markenclubs und Ortsvereine
Die beeindruckendste und belebteste Halle mag die erste sein, die schönsten sind die, die man im Folgenden nacheinander durchläuft: In den Hallen 3, 5 und 7 zeigt sich, was die Szene ausmacht. Clubs, die für Marken und Modelle brennen, sei es für den kleinen VW Polo, für Citroën, MG oder die verschiedenen japanischen Modelle. Bei diesen Ausstellern steht nicht das kommerzielle Interesse im Fokus, sondern das Treffen, die Freundschaft untereinander und die vereinte Freude am alten Blech. Wir sind der Meinung, dass der Charme der Messe hier entsteht und ausstrahlt.
Leider schleicht sich hier aber auch das Gefühl ein, dass sich vor einigen Jahren noch mehr Vereine und Clubs der Region eingebracht haben, was unseren Gesprächen nach mehrere vereinsinterne als auch -externe Gründe hat. Immer wieder fällt in diesem Kontext aber das Schlagwort der steigenden Standgebühren. Es wäre ein Jammer, wenn die Gebühren die Teilnahme der Clubs verhindern, und wenn dem so ist, hoffen wir als enthusiastische Besucher, dass sich dieser Trend möglichst bald umkehrt und man z.B. die Verpflegung wieder großflächig bei Oldtimerclubs beziehen kann.
Es hat sich was verändert
Je weiter man vordringt, desto mehr merkt man eines: Die Messe fühlt sich luftiger und leerer an. War in den vielen Vorjahren jede Halle gespickt mit Fahrzeugen und Leben, so hatte man dieses Gefühl im Jahr 2026 das erste Mal nicht mehr so: Einzelne Hallen, insbesondere die Hallen 9, 10 und 11, waren gefühlt nur halb gefüllt. Für die Sonderausstellung „Colors of Racing“ in Halle 10 mag dieses Ambiente noch für musealen Charakter sorgen, für die beiden verbleibenden kann man diese Deutung nicht gelten lassen. Die Halle der Fahrzeugverkaufsbörse (Halle 8) beispielsweise, früher das Mekka für am Fahrzeugkauf oder am Marktgeschehen Interessierte, wird besonders schnell durchlaufen und schließt den Messerundgang extrem abrupt und ungebührlich ab: Danach wird man wieder zum nördlichen Verbindungsgang geleitet und findet sich überraschend schnell am Ausgangspunkt wieder. Es mag nur unser persönliches Gefühl sein, doch hat die Messe in dieser Hinsicht früher mehr geboten.

Was wir von der Messe mitnehmen - unser ungeschöntes Fazit
Das Konzept der Retro Classics bietet alles, was eine solche Institution im Kalender benötigt: Die Beteiligung großer Unternehmen, der Stuttgarter Fahrzeughersteller, der Markenclubs sowie der privaten als auch kommerziellen Verkäufer. Auch das Interesse der Szene am Messebesuch ist erkennbar.
Ein Publikum, das jedoch gefüllte Hallen, reges Treiben und persönliche Kontakte wie zum Beispiel zum heimischen Ortsverein gewohnt ist, wird enttäuscht werden, wenn das alles nicht oder nur noch vermindert gegeben ist. Es gilt, den Leerstand in den hinteren Hallen zu vermeiden – vielleicht durch attraktivere Konditionen für kleinere Händler oder private Verkäufer. Ein Gefühl wie „Früher war hier aber mehr los“ schadet der Reputation einer Messe enorm, auch wenn es sich möglicherweise nicht auf die ganze Veranstaltung, sondern nur auf einzelne Hallenbereiche beziehen könnte.
Die Messe hat ein wenig ihres Glanzes verloren und die Veranstalter sollten sich überlegen, wie sie Vereine und Verkäufer wieder verstärkt in die Hallen bekommen, um letztlich den Besuchern das zu bieten, wofür sie kommen. Sei es die Fachsimpelei, die rote Wurst vom Oldtimerverein oder die Möglichkeit des Kaufs eines Oldtimers. Wir werden gerne wiederkommen und uns auch im nächsten Jahr umschauen.
Warst du auch auf der Retro Classics? Wie hat dir die Stimmung in den einzelnen Hallen gefallen und was waren deine Highlights? Schreib es uns in die Kommentare!
