Du stehst in der Garage, der Oldie ist fast fertig zusammengebaut, nur noch diese eine Schraube am Ventildeckel oder der Wasserpumpe... Du drückst noch einmal kurz nach, spürst diesen einen, ganz kurzen Moment von „elastischem Widerstand“ und plötzlich: Plopp. Der Widerstand ist weg, die Ratsche dreht leer, und dein Herz rutscht in die Ölwanne. „Nach fest kommt ab.“ Ein Spruch, so alt wie das Automobil selbst. Aber warum ist das so? Warum reicht „Handfest plus eine Viertelumdrehung“ bei unseren Klassikern oft nicht aus – oder ist genau das entscheidende bisschen zu viel? Wir klären, warum Drehmomente keine Schikane der Ingenieure sind und warum du bei moderneren Motorkomponenten plötzlich auch noch mit Gradzahlen (Drehwinkeln) jonglieren musst.
„Nach fest kommt ab“: Von Drehmomenten und Drehwinkeln

Die Physik dahinter: Warum Schrauben eigentlich Federn sind
Um zu verstehen, warum wir ein Drehmoment brauchen, müssen wir uns von der Vorstellung lösen, eine Schraube sei ein starrer Bolzen. In Wahrheit ist jede Schraube eine extrem steife Zugfeder.
Wenn du eine Schraube festziehst, passiert Folgendes:
- Das Gewinde der Schraube greift in das Gegengewinde.
- Beim Festziehen wird der Schraubenschaft gedehnt.
- Die Schraube will sich zusammenziehen und presst dadurch die Bauteile (z. B. Zylinderkopf auf Motorblock) zusammen.
Diese Kraft nennen wir Vorspannkraft. Sie sorgt dafür, dass die Verbindung hält, auch wenn Vibrationen, Hitze oder Druck auf sie einwirken.
Das Problem mit dem „Gefühl“
Das Problem ist der Bereich, in dem wir uns bewegen. Wir wollen die Schraube im elastischen Bereich dehnen. Das heißt: Wenn du sie losdrehst, kehrt sie in ihre Ursprungsform zurück. Übertreibst du es, kommst du in den plastischen Bereich. Die Schraube verformt sich dauerhaft, sie „fließt“. Und wenn du dann noch weiterdrehst, kommt eben „ab“.
Das Drehmoment: Der Klassiker (und seine Tücken)
Das Drehmoment (M = F · l) ist die Kraft mal Hebelarm. Du ziehst also z.B. mit 10 Newtonmeter (Nm) an, der Standardeinheit in fast jedem Werkstatthandbuch.
Warum das Drehmoment allein manchmal lügt
Hier kommt der Punkt, an dem viele Restaurationen scheitern, obwohl ein teurer Drehmomentschlüssel verwendet wurde. Das Drehmoment, das du am Schlüssel einstellst, kommt nämlich nicht zu 100 % als Vorspannkraft in der Schraube an.
- Reibung: Bis zu 90 % des Drehmoments werden verbraucht, um die Reibung im Gewinde und unter dem Schraubenkopf zu überwinden. Nur die restlichen 10 % sorgen für die eigentliche Klemmkraft.
- Trocken vs. Geölt: Steht im Handbuch „Gewinde leicht ölen“ und du vergisst es, ist die Reibung so hoch, dass die Schraube viel zu locker sitzt, obwohl der Schlüssel „Knack“ macht.
- Rost und Dreck: Ein verdrecktes Sackloch im Block wirkt wie ein Stopper. Der Schlüssel löst aus, aber die Bauteile liegen gar nicht fest aufeinander.
Pro-Tipp vom Shop: Reinige alte Gewindegänge immer mit einem Gewindeschneider oder einer Drahtbürste und achte penibel auf die Vorgaben im Werkstatthandbuch bezüglich Schmierung (z.B. Kupferpaste, Anti-Seize oder Motoröl).
Das nächste Level: Das drehwinkelgesteuerte Anziehen
Vielleicht hast du bei neueren Ersatzteilen für deinen Klassiker (oder beim Youngtimer-Projekt) schon Anweisungen gelesen wie: „20 Nm + 90° + 90°“.
Warum macht man das kompliziert?
Wie oben erwähnt, ist das reine Drehmoment wegen der Reibung ungenau. Der Drehwinkel hingegen ist eine geometrische Größe. Wenn eine Schraube eine Steigung von 1,5 mm hat, dann schiebt sie sich bei einer 360°-Drehung exakt 1,5 mm tief hinein. Das ist unabhängig davon, ob das Gewinde ein bisschen mehr oder weniger reibt.
- Fügemoment: Man zieht erst mit einem kleinen Drehmoment (z.B. 20 Nm) an, damit alle Bauteile sicher anliegen.
- Drehwinkel: Ab hier wird nur noch über den Winkel definiert, wie weit die „Feder“ Schraube gedehnt wird. Das ist extrem präzise.
Achtung: Dehnschrauben!
Winkelgesteuertes Anziehen wird oft bei Dehnschrauben (z. B. Zylinderkopfbolzen) verwendet. Diese Schrauben sind so konstruiert, dass sie sich beim Anziehen bewusst in den plastischen Bereich dehnen.
Die goldene Regel: Dehnschrauben sind Einwegartikel. Einmal gelöst, haben sie ihre Spannkraft verloren und gehören sie in den Schrott, nicht zurück in den Motor – spar hier nicht am falschen Ende!
Werkzeug-Kunde: Wer billig kauft, reißt zweimal ab
Ein Drehmomentschlüssel ist kein Luxusgut, sondern eine Lebensversicherung für deine Gewinde. Aber: Ein billiger 20-Euro-Schlüssel aus dem Baumarkt ist meistens eher ein Schätzeisen.
Worauf du achten solltest:
- Der Arbeitsbereich: Ein Schlüssel ist in der Mitte seines Messbereichs am genauesten. Für feine Arbeiten (Vergaser, Ventildeckel) brauchst du einen kleinen Schlüssel, für Radbolzen oder Achsmuttern den großen Bruder.
- Die Lagerung: Entspanne einen mechanischen Drehmomentschlüssel (mit Feder) immer nach der Arbeit auf den kleinsten Wert. Lässt du ihn auf 120 Nm eingestellt im Kasten liegen, ermüdet die Feder und er geht beim nächsten Mal vor.
- Das „Knacken“: Bei niedrigen Werten ist das Auslösen oft sehr dezent. Wer hier auf einen lauten Knall wartet, hat die Schraube schon abgedreht.
Die psychologische Komponente: Das „Gefühl“
Früher sagte man, ein guter Mechaniker habe das Drehmoment im Ellenbogen. Das ist natürlich sehr riskant und heutzutage im Profibereich teilweise verpönt. Aber ein gewisses Grundverständnis hilft natürlich:
- M6 Schrauben: (SW 10) Sind schneller ab, als du „Zündkerze“ sagen kannst. Hier ist weniger oft mehr.
- Aluminium vs. Stahl: In Alu-Gewinden ist rohe Gewalt tabu. Wenn du merkst, dass der Widerstand beim Festziehen weich wird, statt hart anzusteigen: Sofort aufhören! Das Gewinde gibt gerade nach.
Das richtige Equipment: Deine Sicherheitsgarantie für jedes Gewinde
Damit du bei deinem Projekt nicht auf dein Glück angewiesen bist, haben wir dir eine Auswahl an Profi-Werkzeugen von BGS Technic zusammengestellt, die in keiner Klassiker-Garage fehlen sollten. Für die feinen Arbeiten an Vergasern oder Ventildeckeln ist der BGS Technic Drehmomentschlüssel mit 6-30 Nm dein idealer Partner für höchste Präzision. Geht es an mittelschwere Aufgaben, greifst du am besten zum Allrounder mit 20-180 Nm, während der große Bruder mit 40-210 Nm souverän die gröberen Arbeiten wie Radbolzen oder Achsmuttern übernimmt.
» BGS Technic Drehmomentschlüssel 6-30 Nm (1/4")
» BGS Technic Drehmomentschlüssel 20-180 Nm (3/8")
» BGS Technic Drehmomentschlüssel 40-210 Nm (1/2")
Und wenn dein Werkstatthandbuch dir zusätzlich Drehwinkel vorschreibt, haben wir auch dafür die passende Lösung: Wähle je nach Vorliebe und Platzangebot zwischen unserem Drehwinkel-Messgerät mit praktischem Cliparm oder der Variante mit flexiblem Magnetarm.
» BGS Technic Drehwinkel-Messgerät mit Cliparm
» BGS Technic Drehwinkel-Messgerät mit Magnetarm
So stellst du sicher, dass jede „Feder“ in deinem Motor exakt die Vorspannung bekommt, die sie braucht – und „nach fest“ garantiert nicht „ab“ kommt.
Fazit: Respekt vor der Schraube
Restaurieren heißt verstehen. Wenn du das nächste Mal den Drehmomentschlüssel ansetzt, denk daran, dass du gerade eine Hochleistungsfeder spannst. Nutze das richtige Werkzeug, halte die Gewinde sauber und halte dich an die Werte im Handbuch.
