Oldtimer-Szene

Glanz, Rost und Benzin: Ein ehrlicher Rückblick auf die Retro Classics Essen 2026

Die Tore der Messe Essen haben sich wieder geschlossen, der charakteristische Geruch alter Wagen verfliegt langsam aus den Hallen, und die Lkw und Trailer sind auf dem Heimweg. Für uns als Enthusiasten und Spezialisten für Oldtimerbedarf war die Retro Classics Essen 2026 ein Pflichttermin. Natürlich auch, weil wir als ein in Essen ansässiges Unternehmen eine denkbar kurze Anreise hatten, aber vor allem, weil es als eines der großen Oldtimer-Events im Veranstaltungskalender gelten darf.

Profilbild von Raphael Fünfer
Autor: Raphael Fünfer
Position: Geschäftsführer
Retro Classics Essen 2026 Premierenveranstaltung

Als ein Händler für Oldtimer- und Werkstattbedarf schauen wir meist mit einer etwas anderen Brille auf solche Veranstaltungen als der private Messebesucher. Wir suchen nach Trends und vor allem danach, was die Szene bewegt. In diesem Jahr war das natürlich der Wechsel des Messeveranstalters selbst – aus Techno Classica Essen wurde die Retro Classics Essen.

Wir haben es uns nicht nehmen lassen und waren am Mittwoch, den 08.04. (dem "klassischen" Preview- und Pressetag), sowie am Samstag, den 11.04., vor Ort, um sowohl die professionelle Ruhe als auch den vollen Messe-Wahnsinn mitzunehmen. Hier ist unser Resümee einer Woche im Zeichen des Oldtimer-Hobbys.

Der Termin: Ein Volltreffer im Kalender

Man muss der Veranstaltung lassen: Die Terminierung auf die erste Hälfte des April ist gut gewählt. Es ist die Zeit, in der die Wagen mit Saisonkennzeichen (04-10) gerade erst frisch aus dem Winterschlaf erwacht sind. Die Garagentore schwingen auf und die Lust auf Ersatzteile, neues Werkzeug und natürlich neue Schätze in der Garage oder einfach den Eindrücken alter Autos ist auf dem Siedepunkt.

Auch das Wetter spielte 2026 fast durchgängig mit. Angenehme Temperaturen und viel Sonnenschein sorgten für gute Laune bei der Anreise. Es herrschte Aufbruchstimmung – genau das richtige Klima, um über Investitionen in das eigene Blechkind nachzudenken.

Zulauf und Atmosphäre: Die Szene lebt

Trotz wirtschaftlicher Unwägbarkeiten schien der Zulauf für die Erstauflage nicht unzufriedenstellend gewesen zu sein. Besonders das Wochenende zeigte, dass das Interesse an klassischer Mobilität ungebrochen ist. Ob junger "Youngtimer-Jäger" oder erfahrener Sammler im Tweed-Sakko – das Publikum war angenehm gemischt. Auch die Sprachen der umgebenden Länder konnten immer wieder vernommen werden – scheinbar fanden auch Franzosen, Niederländer, Engländer, Schweizer und teilweise sogar Italiener den Weg ins Ruhrgebiet. Schön und ein wichtiges Zeichen für die Internationalität dieser Veranstaltung!

Stand des ASC

Die Preisgestaltung

Vereinzelt gab es allerdings einen Wermutstropfen, der die Stimmung bei vielen Besuchern schon vor dem Betreten der Hallen drückte: Die Preisgestaltung für Tickets und Parken. In Gesprächen war die Kritik oft und deutlich zu hören. Wenn die Anreise und der Eintritt bereits ein Loch ins Budget reißen, das eigentlich für Ersatzteile, Werkzeuge, ein Modellauto als Souvenir oder für Fahrzeugliteratur reserviert war, sorgt das für Unmut.

Messeeintritt

Um dieses Argument etwas zu entkräften, werfen wir einen kurzen Blick auf die Eintrittspreise des Vorgängers Techno Classica Essen:

Die Preise für den Eintritt wurden nämlich übernommen und letztmalig 2024 erhöht, womit der RETRO Messen GmbH eine Erhöhung nicht zum Vorwurf gemacht werden sollte. Für die Besucher am ersten Messetag (Mittwoch) wurden die Eintrittspreise übrigens sogar zum Normalpreis (28,00 € bei Onlinekauf) angeboten – dieser Tag war für Besucher der Techno Classica bislang mit zuletzt 50,00 € ein besonders teures Vergnügen.

Parken

Wer mit dem Auto anreiste, musste neben den derzeit teuren Spritpreisen auch hohe Parkplatzkosten hinnehmen. Die Tagespauschale von 18,00 € trübte die Laune vieler Besucher doch sehr und wird im Allgemeinen als zu hoch empfunden. Zwar stand ein begrenztes Kontingent an kostenlosen Parkplätzen für Oldtimer auf dem Parkplatz P1 bereit, doch ist dieses Angebot für die Mehrheit der Besucher nicht relevant oder nutzbar.

Unsere Empfehlung als lokal ansässige Oldtimerfreunde für kommende Veranstaltungen lautet darum, die An- und Abreise mit der Deutschen Bahn zu bedenken. Die Anbindung vom Hauptbahnhof über die U11 (Ausstiege Messe Ost/Gruga und Messe W.-Süd/Gruga) ist schnell, bequem und günstig.

Eindrücke der Messe: Licht und Schatten

Alle Messehallen der Messe Gruga wurden genutzt. Das ist erst einmal ein positives Signal für den Standort Essen. Doch wer genau hinsah, bemerkte deutliche Unterschiede in der Qualität und der Ausstellerdichte.

Abarths in Halle 5

Die Hallen: Uneinheitliches Bild

Innerhalb der Messehallen hatten wir ein gemischtes Bild, das wir ausdrücklich nicht an der Qualität der Aussteller, sondern an der Dichte der Stände und der Atmosphäre in den verschiedenen Gebäuden festmachen wollen. Die Messe Essen ist eine gewachsene, inhomogene Struktur, deren einzelne Hallen einen jeweils eigenen Charme versprühen und der Messe so einen reizvollen Charakter geben.

Die "High-End"-Halle 3: Hier glänzten die polierten Klassiker dicht an dicht um die Wette. Perfekt ausgeleuchtete Exponate, namhafte Händler und eine Präsentation, die dem Begriff "Classics" alle Ehre machte.

Die anderen Hallen lassen sich als "bunter" beschreiben. Das ist einerseits charmant, da man hier noch echte Schnäppchen und skurrile Exponate findet, andererseits sank das preisliche und internationale "Niveau" teilweise spürbar ab, das besonders dem einst hochklassigen Flair der Techno Classica ausmachte.

Was uns wieder (wie in Stuttgart im Februar) besonders auffiel: Es gibt in einigen Hallen noch massives Potenzial zum Nachverdichten. Während manche Ecken der Halle 3 fast schon klaustrophobisch eng mit Fahrzeugen vollgestellt waren, wirkten andere Flächen merkwürdig luftig oder lieblos bespielt. Hier hätte ein wenig mehr Kuratierung gutgetan, um ein durchweg einheitliches Messeerlebnis zu schaffen.

Der Außenbereich: Eine verpasste Chance

Ein großer Kritikpunkt unsererseits ist die spärliche Bespielung des Außenbereichs. Bei dem tollen Wetter im April (zumindest in diesem Jahr) kann die Freifläche ein wichtiger Teil des Messeerlebnisses sein. Besucher der vergangenen Ausgaben erwarteten hier wieder einen Teil des Fahrzeugmarktes, eine gastronomische Vielfalt oder etwas Stil einer "Cars & Coffee"-Atmosphäre und wurden letztlich mit wenigen Foodtrucks und immerhin mit der beeindruckenden Rampe der Unimog Test Track abgespeist. Gerne mehr solcher und weiterer Sehenswürdigkeiten im Außenbereich im nächsten Jahr, liebes RETRO Messen Team! Das "Leben", das eine Retro-Messe ausmacht, findet eben nicht nur unter Halogenstrahlern statt, sondern auch auf dem Asphalt unter freiem Himmel.

Unimog auf Rampe im Außenbereich

Im Fall der Erstausgabe am Standort Essen ist all das keine direkte Kritik, sondern vielmehr Potenzial für das nächste Mal. Wir würden uns sehr wünschen, dass der Veranstalter daraus die richtigen Schlüsse für eine weitere Verbesserung des Konzepts zieht – die Begebenheiten vor Ort und die Infrastruktur sollten dann ja bestens bekannt sein. 

Das Modell "Messe" auf dem Prüfstand

Wir sehen das Bild, das sich weit über die Oldtimer-Szene für das Messetreiben zeigt: Viele Aussteller ächzen unter hohen Kosten für Fläche, Strom, Messeauftritt usw. Für Clubs als Aussteller ohne kommerzielles Interesse ist ein Messestand zwar ein schönes, wohl aber auch teures Unterfangen. Es wäre schön, gerade diesen Bestandteil des Hobbys wieder verstärkt und vergrößert zu erkennen. So könnte die Clubhalle 5 im Herzen des Messegeländes zum wirklichen Highlight werden. Dafür sollte aber die Dichte der Aussteller ansteigen. Kritische Stimmen merken allerdings an, dass die Messe auf Ausstellerseite dadurch als „zu regional“ oder „weniger exklusiv“ wahrgenommen wird und sich eher nach einem großen Treffen als nach einer Weltleitmesse anfühle. Hier scheiden sich die Geister – wir hätten es jedenfalls begrüßt.

Die Retro Classics Essen 2026 in Zahlen

Die Messe wurde nach Angaben des Veranstalters von 65.500 Personen besucht – trotz aller Widrigkeiten wie der undurchsichtigen Weltlage und der hohen Sprit- und Reisekosten. Es wurden Besucher aus 51 Ländern vermerkt, der Anteil der internationalen Gäste lag bei 16 %. Sicher hatte man sich in dieser Hinsicht schon in diesem Jahr mehr Andrang erwartet, aber hierauf will man im nächsten Jahr aufbauen. Die Zahlen der erfolgreichen Vorgänger-Veranstaltung wurden jedenfalls weit verfehlt.

Fazit

Die Retro Classics Essen 2026 war ein solider Saisonauftakt mit kleinen Schönheitsfehlern. Die Stimmung in der Szene ist gut, das Interesse auch während einer gewissen Marktflaute riesig und der Termin gut gewählt. Wenn die Veranstalter es schaffen, die Qualität in allen Hallen zu vereinheitlichen und den Außenbereich wieder mit mehr Blech zu beleben, könnte Essen ein Nabel der Oldtimer-Welt im Westen bleiben. Noch in ihrer jetzigen Form würden wir die Veranstaltung nicht als eine "Weltmesse der Oldtimerkultur" betiteln.

Der Veranstalter selbst zieht in seinem Rückblick übrigens eine zufriedene Bilanz. Zum Bericht gelangst du über diesen Link.

Wir sind mit einigen neuen Ideen im Gepäck für unseren Shop für Old- und Youngtimerbedarf zurück an der Arbeit. Schaut bei uns im Shop vorbei – wir werden einige der Trends, die wir in den Hallen aufgeschnappt haben, bald im Sortiment umsetzen!

Wie habt ihr den Wechsel zur Retro Classics erlebt? Hat euch das Flair der Techno Classica gefehlt oder seid ihr vom neuen Konzept überzeugt? Schreibt es mir in die Kommentare!

Übrigens: Die Techno Classica ist nicht gestorben, sondern lediglich von Essen nach Dortmund umgezogen und wird schon im September als TECHNO CLASSICA SALON ihre Pforten öffnen. Ein nächster Pflichttermin ist also ein Besuch vom 24. bis 27. September 2026. Dazu aber zu einem späteren Zeitpunkt mehr.

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